Premiere am 10.09.2006 in der Freiheit 15 in Berlin-Köpenick
Regie: Jörg Steinberg
Dramaturgie: Holger Kuhla
Bühne/Video: Samuel Hof
Kostüme: Anne Redlich, Daniela Regnault
Mit: Karin Düwel, Natascha Paulick, Frank Auerbach, Alexander Hörbe, Chris Lopatta, Dirk Schoedon

"Wofür leben wir" von Coolhansen
Fotos: M. Schmidt  

„Katharsis in Köpenick
Der Fußball-Regionalligist 1. FC Union Berlin wird Thema eines Theaterstücks
Wir schreiben den 11. September 2001. Irgendwo mitten in der Ostsee nimmt ein deutsches Fährschiff Kurs auf Finnland. An Bord ist eine Gruppe junger Männer aus Köpenick mit rot-weißen Mützen. Sie ahnen nicht, was sich in diesem Moment in New York abspielt. Erst als sie in Helsinki einlaufen, erfahren sie von der Tragödie. Das Uefa-Cup-Spiel zwischen Haka Valkeakoski und dem 1. FC Union Berlin wurde abgesagt.
Es hätte das erste internationale Spiel des damaligen Zweitligisten werden sollen. Aber es endete wie so oft, wenn sich der Arbeiterklub aus dem Berliner Osten in die Weltgeschichte einmischen wollte: Das Schicksal hatte es sich bereits anders überlegt. Solche Geschichten sind es, aus denen sich der Mythos von "Eisern Union" nährt. Der Regisseur Jörg Steinberg hat diesem Mythos nun ein Denkmal gesetzt und dem 1. FC Union zum 40. Klub-Jubiläum ein Theaterstück geschenkt. Am Sonntag wird es in Köpenick uraufgeführt.
Ja, richtig. Die Parallelen zwischen dem Fußballspiel und dem Schauspiel sind spätestens seit dem WM-Kulturprogramm überstrapaziert - aber sie sind auch offensichtlich. In beiden Fällen führt die Dramaturgie den Zuschauer auf einen Höhepunkt hin. Wenn sich diese Spannung löst, tritt ein beglückender, ein reinigender Effekt ein. Aufatmen. Aristoteles hat das Katharsis genannt, in der Fußballgeschichte ist dieser Moment seit 1954 unter dem Ausruf "Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist Aus!" bekannt.
Beim 1. FC Union wären sie schon froh, wenn sie überhaupt einmal durchatmen könnten. Was sich dort in den vergangenen vierzig Jahren zutrug, birgt genügend Stoff für ein abendfüllendes Drama. Dreizehn Mal ist der Verein auf- oder abgestiegen. Immer, wenn der Überlebenskampf gewonnen schien, tauchten neue Gegner auf: In der DDR war es der BFC Dynamo, dann der einziehende Kapitalismus und 2001 eben der internationale Terrorismus. Genau genommen, sagt Regisseur Steinberg, gibt es überhaupt nur einen Unterschied zwischen Fußball und Theater: Hamlet wird sterben. Es nützt nichts, ihn anzufeuern.“
Berliner Zeitung, 08.09.2006, Boris Herrmann

GROSSES THEATER BEI UNION
Die Welle brandete durch die Köpenicker Freiheit 15. Standing Ovations und Sprechchöre: Wir woll'n die Mannschaft sehen! Auf der Ehrenrunde - Schauspieler mit Tränen in den Augen. Die umjubelte Premiere des Union-Stücks "Und niemals vergessen!" - ein echter Heimsieg! ... Mit Witz und auch ein bisschen Wehmut breiten Regisseur Steinberg und seine Schauspieler ein typisches Union-Leben aus. Gut recherchiert und manchmal hinreißend ironisch. ... Auch Schauspieler Chris Lopatta kennt viele Gänsehautmomente: ‘1977 habe ich mein Herz an dieses rot-weiße Fahnenmeer verloren - wenn ich das jetzt noch mal spiele, kriege ich schon feuchte Augen.‘ ..." Sport-BZ, 12.09.2006, Tim Schomacker 

Sagen sie nie wieder, dass es nur ein Spiel ist!
... Und weil die sechs Akteure in jeder Hinsicht überzeugen, technisch und taktisch versiert, sowie ausnehmend spielfreudig sind, darüber hinaus noch die Rollen ständig wechseln und sich an keine Position gebunden fühlen, hier die Aufstellung: Karin Düwel, Natascha Paulick, Frank Auerbach, Alexander Hörbe, Chris Lopatta, Dirk Schoedon. ... ‚Die Helden von heute sind wir, die Fans! Das macht den Mythos aus!‘ Solche Denksprüche werden mit Applaus quittiert, und zwar sowohl von denen, die sich mit rot-weißem Schal oder Trikot unübersehbar als Fans zu erkennen geben, als auch von jenen, die sich weniger vom Fußball-, dafür mehr vom Theaterspiel anlocken ließen. Beide Publikumsgruppen kommen voll auf ihre Kosten. ...“
SCHOCKVERLAG September 2006, Harry Mehner

Theater - nicht nur für Fans
... Nach einer begeistert gefeierten Premiere vor harten Union-Fans stellte sich bei den folgenden Aufführungen heraus, dass das Stück über einen Fan, seine Familie und Freunde auch bei Zuschauern gut ankommt, die keine Stammgäste  im Union-Stadion an der Alten Försterei sind. Weil die Geschichte witzig und mitreißend erzählt wird. Und weil mit Karin Düwel, Frank Auerbach und anderen eine sehr komödiantische Besetzung spielt.“ Berliner Zeitung, 18.09. 2007, Andreas Kurtz

Volles Volks-Theater
... Namen und Orte sind der pure Osten und für Eingeschworene der Kult an sich. Wenn man wie ich in Oberschöneweide aufgewachsen ist, kam man an „Eisern Union“ nicht vorbei, auch wenn einem Fußball Wurscht war. ... Es hat sich herumgesprochen, man stürmt – diszipliniert! – das Backsteinensemble in Bahnhofsgotik wie sonst den Fußballplatz. Man kommt in Familie und die Bude ist gerammelt voll, ich komme mit Mühe auf einer Treppenstufe unter. Man trägt die Vereinsfarben rot-weiss und sehr unterschiedliche Union-T-Shirts, feiert schon vor Beginn den Verein und sich selbst mit fußballtypischen Ritualen und Sprechchören – trotzdem kommt keine Stimmung auf, in der ein Fremder wie ich sich fürchtet.
Das höchst unterhaltsame und dramaturgisch bestens gebaute Stück des Regisseur-Autors Jörg Steinberg verarbeitet seine und Erlebnisse des Mitspielers Chris Lopatta. Beide Union-Fans trafen sich auf der „Ernst Busch“-Schauspielschule, gegenüber in Niederschöneweide gelegen, und da der Held des Stückes folgerichtig nach Maurerlehre und Armee besagte Schule besucht und später ans Theater geht, gibt es auch eine Reihe Schauspielschul- und Theaterszenen – manchmal zum Brüllen komisch. Z.B. wenn die großartige Karin Düwel als Dozentin (an die legendäre Gertrud Elisabeth Zillmer erinnernd) zunächst fußballfeindlich, mitten in Othello-Proben mit antikem Gestus Fußballverse von Karl Mickel rezitiert. ... Überhaupt darf hier über Fußball und alles, was damit zusammenhängt, auch gelacht werden. ... Bei manchem mir nichtssagenden Wort platzt der Saal und ich erahne, welche Welten des Glücks für den Fan in diesem Wort liegen. Andere Pointen verstehe ich nicht, einfach weil noch von der vorigen Pointe über die nächste hinweg gelacht wird. Aber das macht nichts, es gibt genug davon. Und verkommt dennoch nicht zur Comedy. Der Autor liebt seinen Stoff und seine Figuren und hat wunderbare Situationen erfunden. ... Das Stück tritt genau genommen einen Marsch durch alle Fettnäpfe an. Es wäre westfeindlich, gingen den Szenen nach 1989 nicht derart bissige über die Verkommenheit auf einer Ost-Baustelle voraus, wo nur Karten gespielt wird und Fragen nach der Arbeitszeit-Ausnutzung fast Lynchjustiz des Fragers nach sich ziehen.
Es wäre „frauenfeindlich“ – aber ein Blick auf die souveränen Frauen im Saal bestätigt auch hier das richtige Gespür des Autoren für die Mentalität von „Eisern Union“ und seiner Fan-Frauen.
Die Majorität des vermutlich theaterungewohnten Publikums allerdings liebt inzwischen seine Schauspieler, Natascha Paulick, Alexander Hörbe, Frank Auerbach in vielen Rollen, und will inzwischen wirklich dem Stück folgen - einem Stück über das Leben und den Fußball. Einem Stück, das auch einem Fußballmuffel wie mir den Glauben zurückgeben könnte. Den ans Theater. ... Im Köpenicker „Vorort“ Friedrichshagen wurde vor über 100 Jahren die Volksbühne erfunden. Die ist inzwischen in Mitte und macht das Gegenteil ihres Namens. Wer eine Volks-Bühne sucht, gehe zurück nach Köpenick. Im Übrigen beantrage ich Verlängerung. Des Stückes.“ Peter Waschinsky Sept. 06

Eiserne Hoch-Zeit in Köpenick 
... Steinberg läßt im ganzen Saal spielen, nein, er läßt DEN ganzen Saal spielen. Eine Chronologie von 40 Jahren Fußballverrücktheit läuft ab. Von der Zeit, als dem eisernen Schlachtruf ein defätistische Geruch nach „Klassenverrat“ anhing, über "Union und der elfte September" bis hin zur gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem hippen Sohn, dem „Basketballspieler“.Es geht um den Osten, um Ostberlin. Und die Bilder, die Steinberg beschwört, haben durch ihre Authentizität eine Kraft, die nur echtes Engagement, wirkliches Volkstheater, hervorbringen kann.
Der Autor und Regisseur, meistens vertreten von Chris Lopatta, schlägt sich im rot-weißen Unionerhemd durch die sozialistischen Jahrzehnte, mal selbstbewußt, dann wieder voller Zweifel, ein trotziges Kind seiner Zeit. Beruf, Frauen und Sozialismus in einem Fanleben unter den rot-weißen Hut zu bringen, erweist sich oft als schwierig. ... Das Publikum rast: Unionfans und eingeborene Ostberliner haben ihre Freude. Steinberg hat das Stück mit Spaß geschrieben, die Darsteller spielen sich die Seele aus dem Leib und das Publikum tobt: ja, genau so war das im Osten. 
Karin Düwel, Natascha Paulick und Dirk Schoedon überzeugen als Familienmitglieder ebenso, wie Chris Lopatta, Alexander Hörbe und Frank Auerbach als verschworene Fangemeinde. Eine wohltuende Ausnahme in dieser Stadt, die mit aufgesetzten, verfremdeten Inszenierungen vollgestopft ist: in Köpenicks Freiheit Nr. 15 tanzen keine Lampenschirme für den Weltfrieden, fallen weder bluttriefenden Schweine vom Baukran, noch performancieren halbnackte Castorf-Mimen zwischen stinkenden Müllbergen. Stattdessen sind Jörg Steinberg vier Kunststücke gleichzeitig gelungen: Echtes Volkstheater wird gespielt: Commedia dell arte in Reinform, inklusive Bierausschank und Salzstangenverkauf. Menschen, die nicht im Traum daran gedacht hätten, finden sich freiwillig in einem Theater wieder. Ein Stück Deutsche Geschichte wird selbstbewusst belebt, hier schämt sich endlich einmal niemand. Und schließlich lernt der fußballunkundige Besucher: Unioner sind auch Menschen und keine geisteskranken Vereinsdödel im Dauerrausch. 
Köpenick feierte im September 2006 die eiserne Hochzeit zwischen dem 1.FC Union und seinen Anhängern: andere Vereine haben Fans, Union-Fans haben einen Verein. Nach zwei Halbzeiten endet dann das Schauspiel mit brachialer Wucht: Zuschauer und Darsteller skandieren, unter gebeamten Filmschnipseln aus der Vereinsgeschichte, die Schlachtrufe des Vereins.“  
Zuschauerpost, Christian Howorka

Theater zum 40. Vereinsgeburtstag
... Nicht unerheblich war das Mitwirken der Zuschauer im Saal. Erstaunlich wie textsicher sich das Publikum auch bei teilweise Jahrzehnte alten Union-Texten präsentierte. ... Die Besucher zeigten sich stets einsatzbereit. Und werden in manchen Momenten sich sicher selbst wiedererkannt haben. Dass der Eine oder Andere bei eingespielten Bildern aus 40 Jahren Vereinsgeschichte ein Tränchen im Knopfloch hatte und in Erinnerungen schwelgte, darf nicht verwundern. Schon gar nicht, wenn im Stück von Legende Achim Sigusch die Rede ist, gleichzeitig im Publikum Union-Größen wie Wolfgang Matthies, Heinz Werner oder Rolf Weber sitzen und gespannt dem Geschehen auf der Bühne folgen.
... Emotional, sentimental, witzig, kritisch und jederzeit mit großem schauspielerischem Einsatz wurde unserem 1.FC UNION ein wunderschönes Geschenk gemacht. ...“
Stadionheft 5-06/07, offizielle Vereinszeitschrift

Aus dem Internet-Fanforum
" ... wenn die aufrecht stehenden Haare auf den Unterarmen sich mit den Augenwinkeltränen beim Wegwischen ins Gehege kommen , ... dann ist das ganz großes Kino ... DANKE."
"Poah, seid ihr verrückt? Mitten ins Herz!"
"Spätestens seit Mittwoch abend weiß jeder Spieler, was es bedeutet, für UNION zu spielen."

Aus der Festschrift "40 Jahre 1.FC UNION BERLIN"
„Der kulturelle Höhepunkt, nicht nur des Jubeljahres, sondern der Uniongeschichte überhaupt, hatte im September seine Premiere. ... Punktgenau waren die leisen und lauten durch die Jahre des Unionfan hallenden Töne aufgezeichnet, ohne dass bei allem Humor und allem Spaß jemals Karikaturen entstanden. Effekthaschereien hatte das Stück ebenso wenig nötig, wie das hervorragende Ensemble. ... Im Dezember erschien mit dem Buch zum „Stück zum Spiel“ eine bleibende Erinnerung. In limitierter Auflage - 1966 Exemplare - ist der Text in gedruckter Form noch einmal nachvollziehbar, eine beiliegende DVD mit der Aufzeichnung der Inszenierung macht dieses Union-Meisterwerk komplett.“ Januar 2007, Gerald Karpa

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